Schwerin entdeckt das Leitsystem – dabei gibt es längst bewährte Lösungen

Dejan Pavlovic
Schulzentrum Bisingen

Wenn in Deutschland irgendwo ein neues Leitsystem an einer Schule installiert wird, klingt das in manchen Berichten fast so, als hätte man gerade das WLAN erfunden. So aktuell auch an der Albert-Schweitzer-Schule in Schwerin: Dort wurde ein Orientierungssystem für Rettungskräfte vorgestellt – Kostenpunkt rund 24.000 Euro. Eine sinnvolle Investition? Grundsätzlich ja. Denn bessere Orientierung an Schulen hilft im Ernstfall allen Beteiligten.

Trotzdem darf man dabei ruhig schmunzelnd die Frage stellen: Muss wirklich jede Kommune das Rad neu erfinden?

Sicherheit entsteht nicht durch mehr Schilder – sondern durch klare Systeme.

Denn während einzelne Projekte als große Innovation gefeiert werden, existiert in Deutschland längst ein erprobtes System, das bereits an mehreren hundert Schulen eingesetzt wird: das Farbleitsystem (FLS). Entwickelt wurde es gemeinsam mit Sicherheitsbehörden und Schulträgern – nicht als kurzfristige Idee für ein Pressefoto, sondern für den echten Einsatzalltag von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten.

Der Unterschied liegt dabei nicht einfach in „bunten Schildern“. Denn Hand aufs Herz: Ein paar farbige Pfeile allein machen noch kein Sicherheitskonzept. Entscheidend ist die Struktur dahinter. Beim FLS werden komplette Gebäudeteile logisch und einheitlich gegliedert. Einsatzkräfte können dadurch sofort verstehen, wo sich ein Vorfall befindet – ohne erst einen Lageplan studieren zu müssen oder sich durch verwinkelte Flure zu kämpfen wie in einer Mischung aus Escape Room und Behördengebäude.

Ein guter Einsatzplan ist wichtiger als die schönste Wandfarbe.

Und genau hier wird es interessant: Wenn Schulen heute über Sicherheit sprechen, sollte eigentlich immer auch die Frage gestellt werden, ob ein Notfall- und Gefahren-Reaktions-Systemkonzept mitgedacht wurde. Denn moderne Schul-Sicherheit besteht nicht nur aus Wegweisern an Wänden. Sie umfasst Alarmierungsabläufe, Orientierung für Einsatzkräfte, Kommunikationsstrukturen und klare Handlungsketten im Ernstfall.

Oder anders gesagt: Sicherheit endet nicht beim Schild an der Tür.

Aussentafel in Mühlheim am Main
Wenn Rettungskräfte erst suchen müssen, verliert man wertvolle Zeit.

Gerade deshalb wirkt es manchmal etwas kurios, wenn lokal entwickelte Einzelprojekte als völlig neue Idee präsentiert werden, obwohl vielerorts längst bewährte Standards existieren. Niemand käme schließlich auf die Idee, in jeder Stadt eigene Verkehrszeichen einzuführen. Ein Stoppschild in Hamburg sieht schließlich genauso aus wie in München – und genau das ist der Sinn von Standards: Sie funktionieren sofort.

Bei Schulen scheint man dagegen gelegentlich noch dem Motto zu folgen: „Unsere Flure, unsere Regeln.“

Standards retten Zeit. Zeit rettet im Ernstfall Leben.
Türmarker im gelben Gebäudeteil

Dabei zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre eigentlich etwas anderes. Systeme funktionieren dann besonders gut, wenn sie wiedererkennbar, einheitlich und einsatzerprobt sind. Genau deshalb wurde das Farbleitsystem inzwischen an hunderten Schulen umgesetzt und gemeinsam mit Sicherheitskräften weiterentwickelt.

Natürlich ist jede Investition in Schul-Sicherheit zu begrüßen. Und jede Schule, die sich Gedanken über Orientierung und Notfallstrukturen macht, geht einen wichtigen Schritt. Vielleicht wäre der nächste logische Schritt aber, stärker auf bereits vorhandene Erfahrungen und funktionierende Konzepte zu setzen – statt immer wieder bei Null anzufangen.

Denn manchmal muss man das Rad nicht neu erfinden. Es reicht völlig, wenn es im Ernstfall einfach schnell genug rollt.

About Dejan Pavlovic Designer, Media Consultant, Business Angel
Seit 1994 entwickele ich als Designer für Unternehmen nach dem Prinzip der “10 Heuristiken” Userinterfaces und Webseiten. Durch Zufall bin ich durch die Krisenfälle in Deutschland seit 2009 mit dem Thematik der Leitsysteme und Orientierung in Berührung gekommen. Entwickelt wurde dadurch das Farbleitsystem (FLS). Mittlerweile wird es bundesweit an Schulen und öffentlichen Gebäuden von uns realisiert. Gerne tausche ich mich mit Planern, Betroffenen, Kritikern oder Befürwortern aus und erkläre, was ich mir während der Entwicklung gedacht habe. Leider gibt es einige Menschen, die gerne ohne mein Wissen über die Vor- und Nachteile eines einheitlichen Systems urteilen und einen Dialog mit mir meiden, was ich sehr schade finde. Auch kann es sein, dass ich mit manchen Thesen am Ende nicht immer richtig lag oder auch manches aus meinem Blickwinkel anders interpretiere. Das ist menschlich und im Schaffensprozess natürlich. Daher freue ich mich über Gegendarstellungen und andere Erfahrungen. Ich lasse mich gerne überzeugen und ergänze dann das Gesamtbild.